Kultur im Wandel: Mehr Besucher – weniger Besuche

Von der Elbphilharmonie und Documenta über Bundesliga, Blockbuster und Popkonzert bis hin zu den Volksfesten: zahlreiche kulturelle Veranstaltungen erfreuen sich einer steigenden Beliebtheit. So zieht es zwei Drittel der Bundesbürger wenigstens einmal jährlich auf einen Jahrmarkt, jeden zweiten ins Kino und jeden dritten in ein Museum, ein Konzert oder zu einer Sportveranstaltung. Mehr als jeder Fünfte besuchte in den vergangenen zwölf Monaten zudem ein Theater oder ging zum Stammtisch. 

Als besonders kulturbegeistert zeigen sich Großstadtbewohner, Besserverdiener und Höhergebildete. Je nach Aktivität lassen sich jedoch noch viele weitere Unterschiede feststellen:

  • Frauen gehen öfter in die Oper oder ins Ballett, Männer besuchen mehr Rock- oder Popkonzerte. 
  • Viermal so viele unter 30-Jährige wie über 55-Jährige (48% zu 12%) gehen mindestens einmal im Jahr auf Konzerte. 
  • Bei Kinobesuchern gilt die Gleichung: je jünger, desto häufiger werden sich Filme auf der großen Leinwand angeschaut. So geht fast jeder Jugendliche (94%) wenigstens einmal jährlich ins Kino, bei den Ruheständlern ist es nur jeder vierte (26%). 
  • Volksfeste und Jahrmärkte sind besonders in Kleinstädten und bei Familien beliebt. 
  • Regionale Unterschiede zeigen sich beim Stammtisch: Während in Westdeutschland jeder Vierte mindestens einmal im Jahr zum Stammtisch geht, ist es in Ostdeutschland nur etwa jeder Achte. 

Im 5-Jahres-Vergleich können neben Konzerten vor allem Museen und Ausstellungen einen größeren Teil der Bevölkerung für sich begeistern. Im Gegensatz dazu haben die Aktivitäten zum Stammtisch zu gehen und sich in einem Verein zu engagieren abgenommen. Langfristige Verpflichtungen und häufig starre Strukturen passen immer seltener zum gefühlt schrumpfenden Freizeitbudget und dem Wunsch nach Spontanität. Gefragt sind viel mehr kurzzeitige Erlebnisse, die die Lebensqualität erhöhen und etwas Besonderes versprechen.

Was auf den ersten Blick wie ein regelrechter Boom der Kultur aussieht, entpuppt sich bei genauerer Analyse jedoch als zweischneidiges Schwert. So stieg zwar die Zahl der Besucher im 5-Jahres-Vergleich, aber die absolute Anzahl an Besuchen war bei vielen Kultureinrichtungen rückläufig – oder anders gesagt: mehr Gäste gingen seltener hin. 

Kulturelle Aktivitäten im 5-Jahres-Vergleich

Die Eventisierung der Kultur

Von je 100 Befragten nennen als Freizeitaktivität, die sie wenigstens einmal pro Jahr ausüben:

 Veränderung 2013 zu 2018 in Prozent
Rock-/Popkonzert u.ä.24 
Museum, Ausstellung, Galerie22 
Ins Kino gehen12 
Volksfest, Kirmes, Jahrmarkt12 
Sportveranstaltung besuchen8 
Theater, Oper, Klassikkonzert u.ä.2 
In einem Verein aktiv sein-5 
Zum Stammtisch gehen-11 

Professor Dr. Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der Studie, erklärt: „Viele Kultureinrichtungen konzentrieren sich mittlerweile auf Kulturevents, die mit Highlights, Superlativen und jährlich neuen Attraktionen punkten. Dieser Trend zum Event animiert viele Bürger – allerdings nur zum einmaligen Besuch. Das Stammpublikum wird kleiner und kommt seltener.“ 

Neben den Eintrittskosten, die sich nicht jeder leisten kann, sieht Reinhardt die Konkurrenz um die Gunst der Besucher als Grund: „Nicht nur im Kultur-, sondern auch im gesamten Freizeitbereich wird das Angebot von Jahr zu Jahr größer. Die Bürger müssen sich immer öfter zwischen Angeboten entscheiden und springen buchstäblich von einer Attraktion zur nächsten.“

Zukunftsprognose: Zukünftig wird die hohe Qualität und Quantität der Angebote für ein wachsendes Kulturinteresse und ausverkaufte Stadien, Säle und Plätze sorgen. Die Besucher von Kulturevents werden es weiterhin genießen, dem Alltag für einige Stunden zu entfliehen, unterhalten und inspiriert zu werden, sowie im Anschluss darüber berichten zu können.

Traditionelle und kleinere Einrichtungen können ebenfalls auf eine Renaissance hoffen, da sie einen authentischen Gegensatz zur Eventisierung und Kommerzialisierung der Kultur darstellen. Die dort vorhandene Atmosphäre und Beschaulichkeit, das Engagement und die Beständigkeit sowie die Gemeinschaft und Vertrautheit haben das Potential, die Kulturtrends der Zukunft mitzuprägen.